"Super"-Nova der Religiosität

Von Johannes Schulte, 22 Februar, 2021
Das Bild einer Supernova im Weltall. Sieht ein wenig aus wie ein blauer, kosmischer Ring in wunderschönen Farben.

"Super-Nova" der Religiosität - so beschreibt der Philosoph Charles Taylor die geistliche Entwicklung unserer Tage. Wir alle spüren es in unserem Alltag immer deutlicher: Die Volkskirchen des letzten Jahrtausends brechen tosend ins sich zusammen. In beiden Kirchen schrumpfen die Mitgliederzahlen rasant zusammen und der Ausblick in die Zukunft sieht auch nicht gerade rosig aus. Viele "Noch-Gläubige" deuten diese Entwicklung als eine Zuspitzung der Säkularisierung in der Post-Post-Moderne oder schlimmer noch: Die Leute glauben nicht mehr - und sie brauchen den Glauben auch nicht mehr.

Religiöser Müll oder Re-Spiritualisierung?

Aber ist das wirklich so? Haben die Menschen dieser pluralen Gesellschaften von heute wirklich keine Sehnsucht mehr? Charles Taylor möchte mit seinem Begriff der "Supernova der Religiosität" eben nicht ausdrücken, dass das grundlegende Verlangen nach Spiritualität abgenommen hat - ganz im Gegenteil: Die wahrgenommene Säkularisierung des institutionalisierten Glaubens steht einem neuen Phänomen gegenüber: der Re-Spiritualisierung vieler Menschen in einer digitalen Welt. Die Menschen glauben wieder mehr - aber eben an alles mögliche.

Über Brücken und versetzte Flüsse

Tobias Faix hat in seinem Vortrag auf dem Studientag Ökumene 2020 ein metaphorisches Bild geprägt, das ich hier aufgreifen möchte: Kirche hat über die Jahre Brücken gebaut - Brücken über die menschlichen Flüsse des Lebens, der Sehnsüchte, der Sinnsuche. Doch in dieser Supernova, in diesem Sturm wurde viel bewegt. Plötzlich müssen wir feststellen: Die massiven Brücken stehen noch, aber die Flüsse wurden vom Sturm versetzt. Die Brücken führen also nicht mehr über den Fluss, sondern geradewegs hinein. Pluralismus, Digitalisierung und jetzt auch noch Corona als Brandbeschleuniger? Das hat die Menschen verändert; ihre Flüsse fließen jetzt woanders. Jeder ist nach dem Sturm auf sich allein gestellt, wenn es um die Suche nach einer Möglichkeit geht, den Fluss zu überqueren. Säkularisierung trotz zunehmender Re-Spiritualisierung bedeutet nicht, dass die Menschen weniger suchen. Aber es kann heißen, dass immer mehr Menschen in der Kirche fremd geworden sind.

Neue Lebenswirklichkeiten erschließen lernen

Es dürfte jetzt deutlich sein: Weitermachen wie bisher bedeutet, dass ein Großteil der aufgewendeten Energie zur "Rettung der Kirche" ins Leere laufen wird. Durch das Corona-Virus wurde die Digitalisierung in solchem Maße angetrieben, dass wir jetzt von zwei Lebenswirklichkeiten der Menschen ausgehen müssen: eine analoge und eine digitale, wobei die Wirklichkeit im digitalen Raum eine zunehmende Bedeutung im Leben vieler Menschen spielt. Die Frage ist nun, warum, wie und mit welchen Inhalten und Botschaften Kirche den digitalen Raum füllen wird. Tobias Faix prägte folgende drei Begriffe, die das Format und die Übersetzung analoger Inhalte in eine digitale Lebenswirklichkeit beschreiben: "transferring", "translation" und "transforming". Unter "transferring" versteht er beispielsweise das Streamen eines Gottesdienstes. Das analoge Format wird digital zugänglich gemacht, aber nicht auf die digitale Lebenswirklichkeit angepasst. Ein Zwischenschritt ist die "translation": hier wird ein Versuch unternommen, ein analoges Format mehr auf die digitale Form anzupassen. Das könnte für einen Gottesdienst heißen, dass einige digitale Möglichkeiten mit einbezogen und genutzt werden, z.B. Mentimeter als Umfrage-Tool oder das Einbauen eines Videos.

Was, wenn die Form nicht mehr passt?

In einigen Bereichen bieten "transferring" und "translation" einen guten Weg. Und doch fordert die Situation im Umgang mit der digitalen Lebenswirklichkeit der Menschen die Kirche noch mehr heraus. Eine Kontextualisierung der Form an die digitale Lebenswirklichkeit kann hier als Chance verstanden werden, Kirche wieder mehr von ihrer Sendung her zu denken! Tobias Faix versteht eben diese notwendige Kontextualisierung der Form für digitale Formate als Transformation. Kann Transformation als Prozess des Wandelns nicht auch theologisch gedeutet werden? Uns ist dieser Prozess der Wandlung doch gerade in der Sakramentalität sehr vertraut und wird immer wieder wichtig, um auf den Spuren Christi zu bleiben. Auch weist der Begriff formation in Transformation auf einen expliziten Bildungsprozess hin, der die Menschen verändern kann und sie lernen lässt, sich neue Rolle anzueignen.

Was steht im Vordergrund?

Im ganzen Chaos der Digitalisierung hat Kirche gezeigt, dass sie anpassungsfähig ist. Aber gerade das Chaos ist gut, weil dadurch Krisen ausgelöst werden, die die Menschen immer wieder auf neue Wege führen. Durch die Krise der Pandemie wurden Dinge plötzlich möglich, die lange Zeit unmöglich schienen. Transformation bietet dabei einen zentralen Vorteil: Transformation bedeutet, dass man sich über die Inhalte und über die Form wieder neu Gedanken machen muss. Es heißt, dass man nach dem Grund dessen fragen muss, warum man überhaupt eine Kontextualisierung in die digitale Lebenswirklichkeit vornehmen will und wie man die Leute dort berühren kann. Die Menschen im digitalen Raum haben nicht weniger Sehnsucht, aber einen anderen Zugang zu Spiritualität. Wir können uns fragen, was die wirklich wichtigen Zentren unseres Glaubens sind. Ist es die Feier der Eucharistie, der Glaube an einen nahbaren Gott oder die Befähigung zum guten Leben? Transformation bedeutet, dass es einen Prozess nach innen, als auch nach außen hin geben muss und geben wird. Auf der Suche nach diesen Zentren unseres Glaubens möchte ich mit Worten meines Bischofs Kohlgraf aus seinem Hirtenbrief 2021 schließen: "Es geht um Nachfolge, um Freundschaft, um Liebe zu Gott und zum Nächsten [...]. Kirche muss in diese Freundschaft rufen. Nur, wenn sie zur Nachfolge ermutigt, bleibt sie dem Auftrag Jesu treu."

Lasset uns diskutieren

Nun interessiert mich die Meinung jeder und jedes Einzelnen! Lasst uns in diesen schweren Zeiten in einen gegenseitigen Austausch kommen, der ermutigt und der spürbar werden lässt, dass wir nicht alleine in dieser Krise stehen.

In den letzten Monaten wurde oft der Versuch unternommen, "Altbewährtes" wie den sonntäglichen Gemeindegottesdienst eins zu eins in den digitalen Raum zu übernehmen, benannt durch das Schlagwort "transferring". Wann und unter welchen Umständen haben Sie - hast Du - die Erfahrung gemacht, dass "transferring" und "translation" als gängige Formen im digitalen Raum eine besondere Wirkung entfalten konnten? Und wann müssen wir als Kirche bewusst und mutig die Chance ergreifen und uns im Rahmen der Transformation zu neue Formen inspirieren lassen?

Wir haben einen Grund: Wir wollen die Sehnsüchte der vielen, vielfältigen Menschen einer pluralen Welt wahrnehmen und wertschätzen - auch im digitalen Raum. Wir wollen den Unverfügbaren [Gott] wieder nahbar machen, auch und gerade für die Menschen, die in der Kirche fremd geworden sind. In diesem Kontext kann Transformation bedeuten, das fallenzulassen, was "unseren Glauben" vermeintlich ausmacht. Es kann bedeuten, unsere theologischen Standarts zu senken, sie bewusst barrierefrei und nahbar zu machen. Wie ist Ihre - Deine - Haltung gegenüber diesem Prozess? Ist es Freude und Hoffnung über die neue Chance, Menschen zu begegnen und sie vom Evangelium und der Liebe Gottes zu begeistern? Oder vielleicht Angst und Sorge darum, dass das Altbewährte, Liebgewonnene durch etwas Seltsames, Fremdes ersetzt wird?  Wie können wir gemeinsam an diesem Prozess mitwirken, dass er für alle fruchtbar wird?

In den nächsten Wochen werde ich die Kommentare mitverfolgen und mich am gegenseitigen Austausch beteiligen. Ich freue mich über jeden Beitrag!

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Jasmin Fritsch (nicht überprüft)

2 Tage zuvor

Ich denke, dass jede Krise eine Chance bietet. Hoffnung ist hier, was meinen Glauben ausmacht und auch weiterhin ausmachen wird. So lange es noch Menschen gibt, die von ihrem Glauben überzeugt sind und Menschen, die versuchen andere von dieser Begeisterung mitzureißen, wird es Kirche (als Gemeinschaft) weiterhin geben. Wenn im einigen Leben nicht alles so klappt, wie man es sich wünscht, gibt man auch nicht auf, sondern man versucht andere Wege zu finden. Die Chancen, die diese Zeit bietet, kann man nutzen!