Was der Hackathon anders macht als die Kirche

Von Johannes Schulte, 17 März, 2021
Blick in einen Raum voller Menschen vor Computern

Zunächst einmal: Was sind Hackathons? Hackathons kommen aus dem IT-Bereich und sind Events, auf denen viel getüftelt wird. In der Regel bilden sich viele kleine Teams, die unter Zeitdruck eine Idee entwickeln und diese praktisch umsetzen wollen. Die Teams richten ihre Anstrengung dabei auf ein "Use-Case": Es soll etwas Innovatives entwickelt werden, dass in dieser Form noch nicht existiert und "unbedingt gebraucht" wird! Dafür haben die Teams oftmals dann 24 Stunden Zeit, um ihre Idee in die Praxis umzusetzen. Neben diesem kompetitiven Element ist ein Hackathon immer ein faszinierender Ort, denn es kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Man braucht nicht nur fähige Programmierer: innen, sondern auch kreative Designer: innen, die eine ansprechende Ästhetik schaffen, Teamleiter: innen, Visionär: innen und jene, die dann eine Jury im sogenannten "Pitch" von der Idee und deren Funktionalität überzeugen. Das fordert die Zusammenarbeit aller Teilnehmenden heraus. Alleine gewinnt man keinen Hackathon. Während dem Hackathon werden die Teams von Mentor: innen unterstützt, die weiterhelfen können, wenn es mal hakt. Am Ende eines Hackathons werden alle Ideen und Projekte im "Pitch" zusammengetragen. Das Ergebnis ist bunt wie die Farbpalette eines expressionistischen Künstlers. Nicht alle Gruppenprojekte sind am Ende Meisterwerke, aber allen Teilnehmenden ist der Spaß beim Lernen durch das Ausprobieren und die Zusammenarbeit garantiert. Und wer weiß - unter all den Schöpfungen findet sich immer der ein oder andere Van Gogh.

Kirche und Hackathon - geht das?

Im Jahr 2020 fand dann der erste christliche Hackathon statt. Unter dem Motto "better done than perfect" kamen 750 Christ: innen für den christlichen Hackathon zusammen, um "mutig und innovativ an Ideen zu arbeiten, wie Glaube, Gemeinde und Gemeinschaft vor Ort – egal ob analog oder digital – gelebt werden kann". Organisiert wurde der Hackathon von den Jugend-Delegierten der EKD unter Beteiligung anderer Akteur: innen, unter anderem dem Bistum Hildesheim. Im Rahmen eines Wochenendes wurden hier verschiedensten Projekte auf die Beine gestellt. Faszinierend an der Aktion war die Vielfalt an Ideen, die dabei entwickelt wurden. Die Teilnehmenden wurden vor die Frage gestellt: Was ist wirklich wichtig? Was fehlt uns im Moment? Wo könnte man weiterdenken? Kirche wurde hier in einem ganz neuen Setting gedacht: Weniger aus der Angst heraus, man müsste etwas erhalten, sondern eher aus dem Charisma des Schöpferischen, etwas Positives zur Weiterentwicklung der Kirche beizutragen. Maria Herrmann sieht in der Methode des christlichen Hackathon auch die Chance, einen produktiven Kulturwandel im Denken der Kirche(n) voranzutreiben.

Was haben wir daraus gelernt?

Ein See, Wolken verdunkeln den Himmel und Licht bricht durch die Wolkendecke und glitzert auf dem See.

Eine spannende Beobachtung: Hackathons funktionieren also nicht nur im IT-Bereich!

Sie lassen sich auch auf den kirchlichen Kontext übertragen - mit mindestens genauso viel Begeisterung für das kreative Tun und das mutige Ausprobieren. Wer an einem Hackathon im christlichen Kontext teilnimmt, der wagt sich selbst ein wenig wie Petrus auf den See Genezareth hinaus: Er verlässt das sichere Kirchenschiff und tritt auf das unsichere, weite Nass hinaus - immer mit dem Risiko, doch abzusaufen und die ganze Sache als eine große Schnapsidee abzutun und gleichzeitig mit der Chance, Jesus noch näher und intensiver auf dem stürmischen See zu begegnen.

Warum Hackathon?

Vielleicht ganz allgemein gedacht: Theologische Diskurse sind für eine Religionsgemeinschaft absolut notwendige Instrumente, um die Grenzen dessen festzulegen, was noch durch die Religion verkörpert wird und was sich darüber hinaus inhaltlich-dogmatisch nicht vertreten lässt. Theologische Diskurse sind systemrelevante Instrumente, um den inhaltlichen Rahmen der Religionsgemeinschaft zu bestimmen. Doch neben dem Prinzip der Religionsgemeinschaft ist das Christentum bzw. die römisch-katholische Kirche auch eine Glaubensgemeinschaft. Unter Glaubensgemeinschaft verstehe ich das, was die Religionsgemeinschaft durchdringt und sie belebt. Die Gläubigen selbst bilden diese Glaubensgemeinschaft und sie richten sich in ihrem Glauben auf ein gemeinsames Warum aus. Ein gemeinsames Warum des Glaubens ist die Idealvorstellung jeder Religion. Es gibt in der katholischen Kirche einige, die in ihrem Handeln davon ausgehen, sie hätten die Macht, über Begrenzungen des Rahmens der Religionsgemeinschaft auch Einfluss auf die Glaubensgemeinschaft zu nehmen. Dabei ist es gerade das gemeinsame Warum des Glaubens, dass der Religion ihren Sinn gibt.

Im Beitrag über die "Super-Nova der Religiosität" habe ich zu erklären versucht, dass sich mit einer stark wandelnden, multi-pluralen Gesellschaft auch die Vorstellungen über das Warum des Glaubens stark wandeln. Es kann mitunter sogar sein, dass dieses Warum stark auseinandertriftet. Und es wird noch schwieriger: Oftmals ist sich der Mensch seinem Warum des Glaubens gar nicht bewusst.

Was der Hackathon anders macht

Der Hackathon als Methode steht beispielhaft für eine ganz neue Kategorie, mit der Kirche wieder auf die Menschen zugehen könnte - und die eine Verknüpfung zwischen dem Warum der Menschen und Gott wieder ermöglichen würde. Die Kirche steht mit ihrem derzeitigen Methoden-Tableau vor einer schwarzen Wand, denn ihre Methoden reichen nicht mehr aus, um der breiten Lebenswirklichkeit der Glaubensgemeinschaft - oder dem, was die Glaubensgemeinschaft groß gedacht sein könnte - gerecht zu werden. Ich stelle mir folgendes Bild vor: Die Arbeitsgruppe eines Bistums soll ein pastorales Projekt ausarbeiten. Das pastorale Projekt soll möglichst bunt werden, um die bunte Lebenswirklichkeit der Menschen abzubilden. Die Gruppe besteht aus unterschiedlichen Personen, aber alle bringen einen sehr ähnlichen Kontext mit. Es ist schön, wenn man beim Streichen mehr als eine Farbe hat, aber zehn verschiedene Grautöne machen den Raum auch nicht bunt.

Die Stärken eines Hackathons stechen hier förmlich ins Auge: Menschen aus unterschiedlichen Kontexten treffen aufeinander, lernen miteinander den Umgang mit einer Fragestellung, entwickeln Konzepte und ganz konkret: Wege. Der theologische Diskurs kann die Komplexität der menschlichen Lebenswirklichkeit nicht immer einfangen oder ihr gerecht werden. Was bei einem Hackathon geschieht, ist ganz konkret das Schaffen und Lernen in der Auseinandersetzung mit einer Fragestellung - um Wege zu entdecken, die das Potenzial haben, die Lebenswirklichkeit der Menschen einzufangen. Und am Ende dürfen wir eines nicht vergessen: Dieser schöpferische Prozess der Hacker: innen kann auch mit der Dynamik eines Künstlers oder einer Künstlerin verglichen werden: Nicht immer gelingt es und nicht alles kann geplant werden - aber: alles ist erlaubt und alles darf ausprobiert werden, damit es gelingen kann.

Wer mag, kann sich nun selbst ausprobieren und zum Künstler, zur Künstlerin werden, denn die Jugenddelegierten der EKD tragen auch dieses Jahr wieder einen digitalen, christlichen Hackathon aus unter dem Motto #GlaubenGemeinsam. Uns in der Domschule begeistert das Projekt der EKD-Jugenddelegierten, weil genau diese Dinge relevant werden, die für das Lernen im Digitalem Raum grundlegend sind: Es geht um Co-Creation, Kreativität und Community. Das sind neue Formen von Lernen im Digitalen Raum, die wir ausprobieren wollen!