„Wir lernen nicht für die Schule, …

Von Christian Schramm, 4 Februar, 2021
Schulbank aus vergangenen Tagen

… sondern wir lernen fürs Leben.“ – Non scholae sed vitae discimus. Dieses Bonmot ist von Generationen von Schüler*innen satirisch-ironisch umformuliert worden: „Wir lernen nicht für die Schule, sondern wir lernen für die Katz’/Tonne!“ Womit wir auf eine höchst zentrale Herausforderung gestoßen sind, die auch für die Digitale Domschule relevant ist.

Die herausfordernde Frage lautet: Wie kann Lernen in institutionalisierter Form so organisiert werden, dass Lernprozesse wirklich möglich werden – nachhaltig, lebensrelevant …?! Alle, die sich in diesem Feld mühen, müssen ihr Tun stets kritisch reflektieren und stetig reformieren. Im Blick: sowohl konkrete Fächer und Inhalte als auch didaktische Grundprinzipien und Methoden. Und auch Zwecke und Ziele sind im Blick zu behalten. [1]

Manche lernen, obwohl …

Für meine eigene Identität als Hochschullehrer und Fortbildner ist diese Frage ebenfalls von elementarer Bedeutung. Viel über mich selbst sowie über manche Schieflage im universitären Lehrbetrieb durfte ich bei einer berufsbegleitenden Weiterbildung lernen, erfahren. „INNOQUA – Veränderung durch Lernen“ hieß sie und der begleitende Fachmann Prof. Dr. Rolf Arnold (s. seine Uni-Homepage – hier auch jede Menge Lesetipps) hatte mehrere markante Sprüche im Gepäck, um uns als Lerngruppe herauszufordern, wachzurütteln.

Einer ist mir nachhaltig in Erinnerung: „Manche Menschen lernen etwas – obwohl sie in die Schule gehen müssen!“ Das ist provokativ gemeint. Und es verfehlte seine Wirkung nicht: Sofort waren wir mittendrin in einer ebenso kontroversen wie produktiven Diskussion darüber, ob überhaupt und falls ja wie Lernprozesse initiiert, inszeniert, begleitet, unterstützt … werden können.

„Dann gewinnen wir ein weises Herz“ (Ps 90,12)

Lernen ist ein höchst komplexes Geschehen – und es lässt sich weder machen noch befehlen. Lernen kann nur jede*r alleine und selbst – als Lernbegleiter*in kann ich allenfalls einen mehr oder weniger förderlichen Rahmen schaffen (wobei auch das individuell unterschiedlich erlebt wird) und ggf. unterstützen. Dabei hat Lernen mit (inhaltlicher) Wissensvermittlung nur sehr am Rande etwas zu tun.

Biblisch gesprochen: Beim Lernen geht es darum, weise zu werden – nicht (nur bzw. in erster Linie) Wissen anzuhäufen. Darüber stolpere ich in der biblischen Weisheitsliteratur auf Schritt und Tritt: Weisheit zu erwerben, hat entscheidend etwas damit zu tun, dass ich mein Leben gut und gelingend meistere. Es geht um Lebenspraktisches, Nützliches. Weisheit berührt sich mit Tüchtigkeit, Fertigkeit, Verständigkeit – von daher kann der Handwerker, der sich auf sein Handwerk versteht, weise genannt werden, wohingegen der Gelehrte, der lediglich einen Haufen (unnützes!) Wissen anhäuft, dieses Prädikat nicht verdient.

Ein „Ort der Weisheit“, ein „Lehrhaus, das Weise macht“

Auch die Digitale Domschule als „Schule“ muss sich dieser Herausforderung stellen. Gerade in Internetzusammenhängen ist die Versuchung groß, jede Menge (Fakten-)Wissen anzuhäufen und zu verlinken und dies als Gelehrsamkeit auszugeben. Ein Lernsetting, das sich „Weisheit“ als Zielperspektive auf die Fahnen schreibt, muss anders konzipiert sein.

Mit Blick auf die Digitale Domschule als Lerninfrastruktur ist das m. E. dahingehend zu berücksichtigen, dass sie ein „Ort der Weisheit“ und kein (reiner) „Hort des Wissens“ wird. Diesen Anspruch halte ich für elementar. Oder in abwandelnder Anlehnung an „Asterix erobert Rom“ (hier gibt es ein Bürokratiehaus, „das Verrückte macht“ – mehr dazu im Comedix-Lexikon): Genial wäre es, wenn die Digitale Domschule ein digitales „Lehrhaus“ werden würde, „das Weise macht“.

 

Was das konkret bedeuten, wie das praktisch gehen kann – darüber werde ich in einem späteren Blogpost nachdenken und den ersten im Entstehen begriffenen biblischen Prototypen für die Digitale Domschule diesbezüglich einer kritischen Prüfung unterziehen.

Doch vielleicht haben ja Sie, liebe Leser*innen, Gedanken, Anregungen, konkrete Vorstellungen oder Vorschläge dazu – ich würde mich darüber sehr freuen!

 

Anmerkung

[1] So wäre der Urheber obigen Diktums, der Philosoph Seneca (1. Jh. n. Chr.) vermutlich wieder versöhnt, denn ursprünglich formulierte er im Brief an Lucilius genau umgekehrt: „Non vitae sed scholae discimus“ (Ad Lucilium Epistulae Morales 106,12) – um damit auf ironische Weise seine Kritik an den Philosophenschulen seiner Zeit ins Wort zu bringen.

(Bild: pixabay_Sweetaholic)

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